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„Rückblick Vernissage „Zeit-Nah“ am 5. März“

Laudatio von Susanne Huber-Wintermantel, Museumsbeauftragte, P1210409 P1210411 P1210412 P1210419 P1210421 P1210436
zur Ausstellung „Zeit-Nah“ mit Bildern, Objekten und Skulpturen von Uli Zandona

Willkommen, meine Damen, willkommen, meine Herren! Sie befinden sich im Kosmos des Ulrich Zandona!
Sie können hier eintauchen in eine Vielzahl optischer Reize, in die bunte, magische Bilderwelt der Fotografien, die Kunstobjekte sind, die Kunstobjekte abbilden. Oder der Fotografien, die den Prozess der Auflösung, des Zerfalls eines Objekts dokumentieren. Oder der Objekte, die den Zerfall an einem Punkt aufgefangen haben und ad absurdum führen. Oder Sie können voyeuristische Blicke auf eine ebenso beklemmende wie groteske Installation werfen. Oder Sie können staunen, wie sich ein „archäologisches“ Fundstück als Nofretete entpuppt, wie die Farbe Schwarz Holzkonstruktionen in abstrakt-dekorative Skulpturen verwandelt…

Ulrich Zandona, 1957 in Bräunlingen geboren, bezeichnet sich selbst als Autodidakt. „Kunst“ war kein Thema im Elternhaus und so wurde er Werkzeugmacher, legte die Meisterprüfung ab und übernahm einen verantwortungsvollen Posten bei Dynacast.
Vor 30 Jahren – ein Jubiläum!!! – begann Uli Zandona mit verschiedenen Materialien / außer mit „seinem“ Werkstoff Metall / auch mit Ton und Holz künstlerisch zu experimentieren – wir erinnern uns an die mit der Kettensäge geschaffenen Holzskulpturen und an die Serie glänzend schwarzer Holzobjekte.
Ins Gedächtnis rufen möchte ich auch die spektakuläre Aktion zur Eröffnung des Skulpturenpfades anlässlich des Stadtjubiläums 2005, bei der Uli Zandona die Hexenprozesse in der Zeit des 30jährigen Krieges thematisiert hat.
Dann ging es Schlag auf Schlag: Ulrich Zandona stellte hier im Kelnhof aus, im Landkreis und der ganzen Regio, nahm teil an Symposien in der Schweiz und in Frankreich, er wurde Mitglied bei der Donaueschinger Künstlergilde und beim Internationalen Bodenseeclub – das künstlerische Schaffen rückte immer mehr in den Mittelpunkt seines Lebens.

Was er nun hier im Kelnhof aufgebaut hat (das war viel Arbeit; ihm zur Seite stand Peter Pfaff, der für uns gänzlich unverzichtbar geworden ist!), ist ein ganz breites Spektrum an Techniken und Materialien. – ich glaube nicht, dass wir hier schon einmal eine Einzelausstellung gehabt haben, bei der eine solche Vielfalt gezeigt wurde. Und ich erinnere mich auch nicht, dass schon einmal ein Künstler von unserem Ausstellungsraum gestalterisch so intensiv Besitz ergriffen hätte.

„Zeit-nah“ wählte der Künstler als Motto für seine Präsentationen und zeigt uns damit zum einen, dass er nah am aktuellen Zeitgeschehen ist: Seine Installation in der Einbauvitrine will er als künstlerische Interpretation des brandaktuellen Flüchtlingsthemas verstanden wissen: Menschen fliehen aus einer hoffungslosen, feindlichen Umgebung, lassen fast alles zurück, bringen weniges mit und scheitern an einer seelenlosen Bürokratie, die wie eine Marionette in Bewegung gesetzt werden kann.

Zum andern ist „zeit-nah“ eine Annäherung an die Phänomene der Vergänglichkeit, an den Charme des Morbiden: Die Fotostrecke der verderbenden Äpfel im Schnee, ihre Oberflächenstrukturen, ihre Farben. Am Ende aber hält Uli Zandona den Zerfallsprozess an einem Punkt auf, gießt seine Äpfel in Bronze und macht sie damit (fast) unvergänglich!

Das Kunsthaus Tacheles in Berlin, das von 1990 bis 2012 in einem Gebäudeteil des ehemaligen Kaufhauses Wertheim existierte, hat Uli Zandona tief beeindruckt. Und er hat die von bröckelndem Putz und Gentrifizierung bedrohte alternative „Szenekunst“ im Bild festgehalten. Auch die anderen Berlin-Fotostrecken fangen Großstadteindrücke ein, die zwischen destruktiven Elementen und Kreativität balancieren, die der Einsamkeit, dem Müll, dem Schmutz und den Ruinen eine gewisse Ästhetik, einen gewissen Reiz entlocken, der vielleicht genau damit zu tun hat, dass in der Vergänglichkeit des Augenblicks seine Kostbarkeit besteht. Und der Fotograf kann zwar nicht den Augenblick bewahren, aber immerhin ein Bild, eine Erinnerung an den Augenblick.

Ein relativ neues „Speichermedium“ unseres vielseitigen Künstlers sind die Metallgussarbeiten, zu denen die erwähnten Bronzeäpfel gehören, aber vor allem die Akte, und die „Helfer“, die miteinander verschmolzen sind und es nicht ganz klar ist, wer hier wem hilft.
Uli Zandona probiert hier verschiedene Materialien, Oberflächen, Farbgebungen, Formtechniken aus und stellt die unterschiedlichen Wirkungen, die er damit erzielt, einander gegenüber.

Von den abstrakten Holzobjekten, die am Beginn von Ulrich Zandonas künstlerischem Schaffen standen, ist das charakteristische Schwarz geblieben; den großen, motorgesägten Objekten sind aufwändig gestaltete, zierliche und filigrane Stelen, eher klein von Format, gefolgt.

Die Arbeiten mit Autoreifengummi, Nägeln, Dosen, Kisten, Drähten ließen mich spontan an den vom französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss geprägten Begriff der „Bastelarbeit“, der „Bricolage“ in seiner ursprünglichen Bedeutung denken: arbeiten mit „was-auch-immer-zur-Hand-ist“, weil alles bedeutsam ist und miteinander in Beziehung stehen kann! Der Künstler weiß, dass es spannend wird, wenn Gegensätze aufeinander treffen, Hartes und Weiches, Statisches und Bewegliches, Schwarzes und Weißes, Leben und Tod.

Das Motiv, das er für Plakat und Flyer zu seiner Ausstellung ausgewählt hat, der Apfel im Autoreifen, scheint mir gleich mehrere solcher Gegensätze zu beinhalten und zugleich möchte ich die Wahl, die er getroffen hat, als hoffnungsvolle Botschaft, versöhnliche Geste gegenüber der sonst etwas düsteren Thematik seiner Ausstellung interpretieren: Zwar zeigt auch der Apfel deutliche Zeichen seiner Vergänglichkeit – er ist verfault, verfroren, von Vögeln angepickt – aber er hat immer noch soviel von seiner roten Farbe, dass er den Kontrast zum schwarzen Gummireifen abgibt. Und der kleine Apfel steht tapfer aufrecht in der Mitte dieses Reifens, der selbst zerfetzt und ausrangiert ist, der aber den Apfel umgibt, wie ein Kranz, wie ein Ring – und Kranz und Ring, die keinen Anfang und kein Ende haben, sind bekanntlich das Symbol für die Unendlichkeit, wenn Sie wollen, für die Ewigkeit.

Ich wünsche dir, lieber Uli, dass deine Ausstellung erfolgreich wird, dass du vielen Besuchern deine Werke nahe bringen kannst und Ihnen, meine Damen und Herren, wünsche ich beim Rundgang durch die Ausstellung Anregungen und Inspirationen und jetzt gleich noch einen schönen und geselligen Abend in unserem Kelnhof-Museum.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Artikel wurde am 18. März 2016 veröffentlicht.