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Stadtkirche Bräunlingen – Glockenweihe an Pfingsten vor 100 Jahren – Teil 3 (von 3)

Ersatz der Glocken in Bruggen erst 1932

Ein Ersatz für die zwei 1917 abgegebenen Glocken der Filialkirche in Bruggen erfolgte erst zum Ende des Jahre 1932. Der Glockenguss fand in der Glockengießerei Grüninger in Villingen statt. Die größere der Glocken wog 263 kg bei einem Durchmesser von 73 cm, die kleinere 175 kg bei einem Durchmesser von 66 cm. Zu den Kosten von 901 RM steuert die Gemeinde Bruggen 350 RM bei, der Kapellenfond 401 RM, der Rest ist durch freiwillige Spenden finanziert.

Bei der Anlieferung wurde allerdings festgestellt, dass im Relief anstelle des Kirchenpatrons von Bruggen, Antonius der Große, Einsiedler und Kirchenvater in Ägypten, der Hl. Antonius von Padua dargestellt ist. Der Fehler lag aber offensichtlich beim Pfarramt. Die Gießerei hatte nämlich vor dem Guss einen Entwurf mit dem Hl. Antonius von Padua dem Pfarramt zugesandt, worauf keine Berichtigung an die Firma Grüninger erfolgte.

Figur des Hl. Antonius in der Kapelle in Bruggen

Der Kirchenpatron, Gedenktag 17. Januar, wird mit einem T-Kreuz und einem kleinen Schwein, u.a. als Patron der Bauern, der Haustiere, vor allem der Schweine, der Schweinehirten dargestellt, der Hl. Antonius von Padua jedoch mit dem Jesuskind, mit Fischen, Esel oder Monstranz. Er wiederum ist u.a. Patron der Pferde und Esel, bei Pest- und Viehkrankheiten und vor allen Dingen für das Wiederauffinden verlorener Sachen. Beide Heiligen haben im Volksmund, damit eine richtige Zuordnung erfolgen kann, wegen ihrer Attribute bzw. Zuständigkeit einen etwas despektierlichen Beinamen erhalten, nämlich Sau-Toni bzw. Schlamper-Toni. Es ist jedoch nicht überliefert, dass in Bruggen alle verloren gegangen oder verlegten Dinge je wieder gefunden wurden.

Es war dies aber nicht die einzige bildliche Verwechslung eines Patrons in Bräunlingen. Bereits 1890 wurde bei der Lieferung der städtischen Vortragsfahne für Stadt- und Flurprozessionen der Schutzpatron gegen Unwetter, Blitzschlag, Hagel und Feuersbrunst, Donatus von Münstereifel, mit dem Bischof Donatus von Arezzo/Italien verwechselt und anstelle eines römischen Soldaten ein Bischof mit Stab und Mitra auf die Fahne aufgemalt. Die von Oberschultheiß Johan Conrad Gumpp gestiftete Vortragsfigur des Hl. Donatus, einen römischen Soldaten darstellend, befindet sich noch heute in der Stadtkirche und wird bei der Fronleichnamsprozession und am Skapulierfest durch die Straßen getragen.

1942 wurden die Glocken bereits wieder eingeschmolzen. Es darf mit großer Sicherheit bei der Weihe der drei Glocken 1921 in Bräunlingen, 1932 in Bruggen, der Wunsch der Bevölkerung angenommen werden, dass diese nicht das Schicksal erleiden müssen wie ihre Vorgänger während des I. Weltkrieges, als diese für eine kriegerische Verwendung zweckentfremdet wurden. Aber die Geschichte lehrt uns eines anderen.

Die Glocken durften nur 21 Jahre zum Gottesdienst rufen, zum Angelus Gebet, zum Tagesbeginn und zur Betzeit am Abend läuten. Sie erlitten das gleiche Schicksal wie die Vorgängerglocken. Während des II. Weltkrieges wurden diese 1942 vom Turm geholt und am Bahnhof in Bräunlingen mit weiteren Glocken zum Transport nach der Glockensammelstelle (Glockenfriedhof) in Hamburg verladen. Sie wurden dort für Kriegsgerät eingeschmolzen. Abgeliefert wurden insgesamt 11 Kirchenglocken, fünf aus der Stadtkirche, drei aus der Friedhofkirche St. Remigius, eine aus der Ottilienkapelle und drei aus den Filialkirchen Bruggen und Waldhausen sowie zwei städtische Glocken von den Dachreitern auf dem Rathaus und dem Mühlentor.

Glockensammelstelle Bahnhof Bräunlingen

Aus der Kapelle in Bruggen wurden die dem Hl. Antonius gewidmete große Glocke und die Marienglocke, beide 1932 ebenfalls in der Glockengießerei Grüninger gegossen, eingeschmolzen. Zur den Glocke aus Waldhausen liegen leider keine Daten vor. Die 1917 noch verschonten Glocken aus dem Jahr 1877 konnten 1942 nicht mehr vor der Einschmelzung gerettet werden.

 Nach dem Krieg (1948) kamen nur die zwei im 14. Jahrhundert gegossenen Glocken von St. Remigius und die aus dem Jahr 1566 stammende Glocke aus der Kapelle von Bruggen zurück. Da die Kapelle in Bruggen durch Kriegseinwirkung zerstört war, wurde die Glocke als Sturmglocke im Dachreiter auf dem Mühlentor aufgehängt. Die Stadt zahlte dann 1953 beim Wiederaufbau der Kapelle in Bruggen einen Zuschuss von 600,00 DM für ein neues Geläut.

 

 

 

 

 

 

Die Sturmglocke, die bei einem Feuer in der Stadt als Alarmierung diente, musste in der Nacht vom Nachwächter geläutet werden, das gleiche mussten laut den Feuerordnungen des 19. Jhdt. die Mesner der unteren Kirche (Stadtkirche) und der oberen Kirche (St. Remigius) tun. Das Läuten für diesen Zweck wird als „stürmen“ bezeichnet. Das Stürmen geschah in den meisten Gemeinden durch rasches Anschlagen des Klöppels auf eine Seite der Sturmglocke.

Der Dachreiter auf dem Rathausdach wiederum erhielt 1956 im Zuge einer Dacherneuerung eine neue Glocke (33 kg), die wie die neuen Glocken der Stadtkirche (1950) bei der Glockengießerei A. Hamm und Sohn in Frankenthal/Pfalz gegossen wurde.

 

 

 

 

 

Läuten zu bestimmten Tageszeiten – Läuteordnung

Üblich war und ist es, dass sich die Kirchengemeinden eine Läuteordnung geben, welche alles regelt, was das Läuten der örtlichen Kirchenglocken anbetrifft.

Das Glockengeläut wird gerne als Stimme Gottes oder Stimme der Kirche, oder aber auch etwas abwertend als „Lautsprecher- oder Werbeanlage“ des Pfarrers, bezeichnet. Die Glocken rufen aus der Höhe der Kirchentürme in die Gemeinden und Fluren. Die ursprüngliche, klösterliche Funktion die Mönche zu den Stundengebeten und Gottesdiensten zusammenzurufen, hat sich zur Einladung der Gläubigen zum Gottesdienst weiterentwickelt.

Glocken lassen die Daheimgebliebenen am Fortgang des Gottesdienstes teilhaben und werden deshalb zum Evangelium und zur Wandlung geläutet. Die kleinen, von den Ministranten von Hand betätigten Altarschellen, geben diesen Hinweis auch an die Gottesdienstbesucher. Aber auch bei anderen Anlässen wie Taufe, Trauung und Segnung, Beerdigung begleiten sie den entsprechenden Anlass.

Das dreimal tägliche Angelus- oder Aveläuten, morgens (Laudes), mittags (Sext) und am Abend (Vesper), lädt zum persönlichen, häuslichen Gebet, „Der Engel des Herrn“ ein, das während des Läutens gebetet werden soll. Es regelte in früherer Zeit dadurch automatisch auch den Ablauf des Arbeitstages.

Christkönigsglocke, gegossen 1950

 

 

 

 

 

 

 

Was wir heute nicht mehr wissen, dass der Ton einer bestimmten Glocke zu bestimmten Zeiten die Zeit ansagt; dies zu einer Zeit, als die bäuerliche Bevölkerung bei ihrer Feldarbeit noch keine Armbanduhr oder Handy und kein schnelles Transportmittel wie Fahrrad oder gar Pkw kannte. Das Elfuhrläuten (Herz-Jesu-Läuten) erinnert an das Leiden Christus, mahnte aber auch zur Rückkehr von der Arbeit nach Hause, um pünktlich zum Mittagessen daheim zu sein. Nach der Elektrifizierung des Geläutes und der Turmuhr, die übrigens in Bräunlingen der politischen Gemeinde gehört und diese die Unterhaltslast trägt, erfolgt die Ergänzung durch Anschlag mittels eines Hammers zur vollen, halben und Viertelstunde.

Wird eine bestimmte Glocke außerhalb einer üblichen Zeit geläutet wurde verkündet sie den Tod einer Mitbürgerin oder eines Mitbürgers (Sterbe- oder Totenglocke). Das Glockenläuten am Samstagabend wird als Einläuten des Sonntags bezeichnet, zeigt aber auch an, dass der Alltag vorbei ist und die Menschen sich auf den Sonntag als dem Tag des Herrn freuen dürfen.

Das Abendläuten wird in der evangelischen Kirche als das Betläuten (Vaterunserläuten) bezeichnet. In Bräunlingen wird es Betzeitläuten, im Dialekt: Bättziitliitä, genannt. Es war dies auch der letzte Aufruf an die Kinder nach Hause zu gehen, beim maskierten Fastnachtstreiben war es gleichzeitig die Aufforderung zur Demaskierung. Noch in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden in Bräunlingen durch den Ortspolizist Strafen verhängt, wenn eine Person nach dem Betzeitläuten „unter der Maske“ angetroffen wurde.

Nur noch in wenigen Gemeinden wird eine Stunde nach Sonnenuntergang geläutet. Dieses Geläut diente zur Orientierung für Verirrte oder zur Orientierung für diejenigen, die sich zu weit von der Ortschaft entfernt haben. In dünn besiedelten Gebieten, Tälern und Waldgebieten, war dieses Läuten als Orientierungshilfe von besonderer Bedeutung. Diese Aufgabe nahmen auch die Glocken von Hofkapellen und Einzelgehöften war. Es war aber auch der Hinweis, dass die Stadttore bald geschlossen werden. Für den Nachtwächter war es gleichzeitig die Aufforderung zum Dienstbeginn.

Von den früheren, nichtkirchlichen, weltlichen Anlässen, die Glocken bei Siegen, Siegesfeiern oder Geburtstagen der Landesherren, bei Bränden, Hochwasser- oder Kriegsgefahr zu läuten, ist in Bräunlingen lediglich das Läuten in der Neujahrsnacht und am Volkstrauertag übriggeblieben.

Die Glocke auf dem Rathaus wurde in früherer Zeit auch als Einladung für die Ratsherren (Gemeinderäte) zu einer Ratssitzung geläutet (Ratsglocke). Es ist anzunehmen, dass die Glocke auf dem Rathaus auch als Armesünderglocke diente und beim Gang eines Verurteilten zur Richtstätte auf dem Galgenberg geläutet wurde.

Griesmus-Glocke: Das Elfuhrläuten am Freitag wurde scherzhaft auch das Griesmusläuten, die Glocke die Griesmus-Glocke genannt. Der Neckname, heute kaum noch gebräuchlich, hat seinen Grund in der Tatsache, dass der Freitag ein Fastentag war an dem kein Fleisch und keine Wurstwaren verzehrt wurden. Vielfach gab es deshalb am Freitag Gries- oder Reisbrei, daher der Spitzname Griesmusglocke.

 Hinweise

Die heutigen Glocken der Kirchen der Pfarreien Bräunlingen und Döggingen können auf der Homepage der Erzdiözese Freiburg einzeln und im vollen Geläute angehört werden. Dort sind auch weitere interessante Details zu den betreffenden Kirchenglocken aufgeführt.

Die komplette Geschichte der Glocken in den Kirchen und Kapellen von Bräunlingen, Döggingen, Unterbränd, Mistelbrunn und Waldhausen sowie der Ottilienkapelle in Bräunlingen bedürfen zu einer umfassenden Beschreibung noch weiterer Recherchen.

 Dank

Herzlichen Dank dem Diözesanarchiv in Freiburg für die Zurverfügungstellung von Unterlagen, der Pfarrei und der Stadtverwaltung Bräunlingen für das Vertrauen zur Einsichtnahme in die dortigen Archive und Padre Jorgiano dos Santos da Silva für die Begleitung beim Schlussteil.

 

Im April 2021

Joachim Schweitzer

 

Fotos in allen 3 Teilen:

  • Stadtarchiv Bräunlingen (6)
  • Joachim Schweitzer (5)

 

 

Artikel wurde am 7. Juni 2021 veröffentlicht.